Gerhard Höpp †

(1942-2003)

 
 

 

Mitarbeiter/innen

Assoziierte

Affiliierte

Gäste

Ehemalige

 

Sehr geehrte Trauergäste,

Gerhard Höpp kam 1975, vor nahezu dreißig Jahren also, an die damalige Akademie der Wissenschaften. Dort hatte es bis 1969 ein hoch angesehenes Institut für Orientforschung gegeben. Noch im Oktober 1967 hatte es sein zwanzigjähriges Bestehen gefeiert, und Gerhard war dabei: Auf einer aus diesem Anlass veran-stalteten Tagung sprach er über das Verhältnis von Islam und wissenschaftlicher Weltanschauung. Schon zwei Jahre später liquidierte eine Akademie-Reform – der Begriff „Reform“ gewann schon damals einen drohenden Unterton – das Institut. Historiker aus ihm fanden am Zentralinstitut für Geschichte eine neue Bleibe, zunächst in den beiden Arbeitsgruppen Südasien und Naher Osten, dann in einer Abteilung Geschichte der Entwicklungsländer.

Die Ankunft von Gerhard Höpp war für uns ein großer Gewinn. Er galt als vielversprechendes wissenschaftliches Talent, zu Recht, wie sich später zeigen sollte. Er wirkte daran mit, dass die Beschäftigung mit Entwicklungsländern, die es nach ihrer Reform an der Akademie nicht mehr geben sollte, dort eine neue Heimstätte fand, mit Arbeitsergebnissen, die innerhalb wie außerhalb der DDR zunehmend respektiert wurden. Seinen strukturellen Niederschlag fand dieser Wandel in der Gründung eines Wissenschaftsbereichs Geschichte der Entwicklungs-länder, zunächst noch im Zentralinstitut der Geschichte, dann in dem 1986 ins Leben gerufenem Institut für Allgemeine Geschichte. In dem neuen Institut übernahm Gerhard die Bereichsleitung, die er bis zum Ende der Akademie innehatte.

In seinen 15 Jahren an der Akademie war Gerhard wissenschaftlich überaus produktiv. Von den Ergebnissen seines Schaffens ist seine umfangreiche Habilitationsschrift hervorzuheben "Vom Nationalismus zum Sozialismus. Zur Geschichte und Ideologie der 'Bewegung der Arabischen Nationalisten' (BAN) und ihrer Nachfolgeorganisationen, 1948 – 1975", deren Veröffentlichung die Wende leider verhinderte.

An zahlreichen Gemeinschaftsprojekten war er beteiligt, darunter an einem zu Beginn der achtziger Jahre gemeinsam mit sowjetischen Kollegen herausgegebenen und in Moskau und Berlin erschienen Sammelband „Geistige Profile Asiens und Afrikas“, zu dem er selbst einen Beitrag beisteuerte, „Das Vermächtnis von Klassen und Klassenkampf als Gegenstand und Moment ideologischer Auseinander-setzungen in arabischen Ländern“.

Gerhard hielt nichts von Moden in der Wissenschaft, sich abzeichnend im Wechsel der Paradigmen. Sich und anderen gegenüber ehrlich, war ihm auch in der Wissenschaft an Wahrhaftigkeit gelegen. Er wollte einfach wissen, wie Geschichte verlaufen war. Dabei interessierten ihn vor allem die Menschen, die diese gestalteten, ihre Situation, ihr Denken und Handeln, ihre Resultate. Details waren ihm da wichtig. Er wandte viel Zeit und Mühe auf – auch aufwendige Anfahrten zu Archiven und Bibliotheken schreckten ihn nicht ab – um ihm wichtige Einzelheiten herauszufinden. Ideenbewegungen, die er untersuchte – Stichworte: Islam, arabischer Nationalismus, Sozialismus –, suchte er aus konkreten historischen Verhältnissen herzuleiten und zu verstehen. Es gibt international nur wenige Arbeiten, die so gründlich, behutsam und differenziert politisch-ideologische Strömungen im arabischen Raum nachgehen, wie seine Habilitationsschrift. Von seiner Gründlichkeit zeugte eine Fülle an Anmerkungen in seinen Schriften, die für ihn sprichwörtlich war, in Redaktionen indes nicht immer nur Beifall fand.

Die Zusammenarbeit mit Gerhard war für mich, das wird in der Rückschau deutlicher als zuvor, ein ausgesprochener Glücksumstand. Nicht, dass wir uns unablässig mit Komplimenten überhäuft hätten. Es gab durchaus kritische Situationen. Gerhard stellt in seiner wissenschaftlichen Arbeit höchste Anforderungen an sich selbst. Das ließ ihn mitunter über Terminverschiebungen verhandeln. Ihn drängte es nicht – daran hinderte ihn schon seine Bescheidenheit – nach Leitungs-verantwortung; als er sie dennoch ausübte, war sie in hohem Maße durch sein eigenes Vorbild und die Hilfe, die er Kollegen, vornehmlich jungen, angedeihen ließ, geprägt; Anforderungen, denen er sich selbst unterwarf, mochte er indes nicht ohne weiteres an andere zu stellen. Aber gerade diese Kompromisslosigkeit sich selbst und das Verständnis anderen gegenüber befruchteten die kameradschaftliche Zusammenarbeit und beförderten allgemein eine sachliche Arbeitsatmosphäre.

Mit und in der Wende zu Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geriet die Akademie in eine tiefe Krise, die sich zwei Jahre qualvoll hinzog und zu ihrer Liquidierung führte. Von den Mitarbeitern des Bereichs Geschichte der Entwicklungsländer fand keiner in seinem Beruf eine neue feste Anstellung, wenngleich der Bereich in der Evaluierung nicht schlecht abgeschnitten hatte. Gerhard Höpp, jetzt mit befristeten Projekte befasst, blieb seiner sozialistisch-humanistischen Einstellung treu. In seinen Arbeiten wandte er sich den Geschicken von Menschen zu, die, mit Rassismus, Faschismus und Krieg konfrontiert, zu den Verlierern der Globalisierung gehörten. Außerhalb seiner dienstlichen Verpflichtungen kümmerte er sich darum, dass die ehemaligen Bereichsmitarbeiter Kontakte zueinander aufrechterhielten.
Allen, die ihn näher kannten, hat Gerhard eine Bereicherung ihres Lebens gebracht. In unsere Trauer mischt sich so Dankbarkeit.

Martin Robbe

Nachruf Deutsches Orient-Institut
Nachruf Junge Welt
Nachruf Tagesspiegel