Dr. Dina Wilkowsky

Obituaries/Nachrufe

 
 

Dina Wilkowsky
CV
Obituaries/Nachrufe
Bibliography/Bibliografie

 

 

| Heike Liebau  | Alikhan Baimenov | Sophie Roche | Peter Heine |

Dina - Freundin, Weggefährtin und Kollegin

Wenn sie einmal einen Entschluss gefasst hatte, setzte sie ihre ganze Kraft daran, diesen umzusetzen. Wenn unvorhergesehene, schwierige oder unangenehme Aufgaben in ihr Leben traten, handelte sie nach dem Motto: was getan werden muss, muss getan werden. So wollte sie sich auch dem Krebs stellen. Sie hat ihn nicht besiegen können.  

Ich lernte Dina im September 1978 in Taschkent kennen. Wir studierten an der Fakultät für Orientalistik der dortigen Staatlichen Universität. Für mehr als zwei Jahre teilten wir uns ein Zimmer im Studentenwohnheim und auch als wir später in unterschiedlichen Wohnheimen lebten, verbrachten wir weiterhin viel Zeit gemeinsam. Dina studierte "Arabische Sprache und Literatur" mit großem Enthusiasmus, mit Disziplin und Ausdauer und einer großen Begabung für Fremdsprachen. Schon damals bewunderte ich, wie sie sich - ohne ihre eigenen Ziele aus den Augen zu verlieren - um ihre Kommilitonen sorgte und jederzeit zu helfen bereit war. Sie bildete das Zentrum ihrer Studiengruppe. Vor wichtigen Prüfungen verwandelte sich unser Wohnheimzimmer in eine Studierstube. Jeder war willkommen. Man fragte sich gegenseitig Vokabeln ab und erörterte zum x-ten Male schwierige grammatische Konstruktionen. Oft wurde die ganze Nacht hindurch gelernt. Auch bei Problemen, die sich aus dem jährlichen Einsatz in der Baumwollernte ergaben, wurde Dina oft angesprochen. Während unsere sowjetischen Kommilitonen mehrere Wochen unter schwierigen Bedingungen zur Erfüllung des jährlich steigenden Plansolls beitrugen, konnten wir ausländische Studenten diese Zeit in Taschkent zum Selbststudium nutzen.

Nach dem Studium schrieben wir uns Briefe, zunächst ausführlich und regelmäßig, dann seltener, aber nie verloren wir uns ganz aus den Augen. Dina begann 1982, im Alter von 22 Jahren, ihre Arbeit  als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für arabische Sprache an der Philologischen Fakultät der Universität Almaty. Als Doktorandin hielt sie sich 1984 und 1985 zu einem Studienaufenthalt an der Philosophischen Fakultät (Abteilung Kulturwissenschaften) der Lomonossow Universität in Moskau auf. Dort wurde sie auch 1989 mit einer Arbeit zum Thema: Traditionen und Innovationen in der Gegenwartskultur Ägyptens: Philosophische Probleme  promoviert. Später sprachen wir ausgiebig über die späten 80er, die Zeit der Veränderungen in der Sowjetunion, über den Aufstand der kasachischen Jugend 1986, über die Auswirkungen der Politik von Glasnost und Perestroika auf Kasachstan und die anderen Sowjetrepubliken Mittelasiens. Das Land, in dem Dina geboren und aufgewachsen war, in dem sie ihre Ausbildung erhalten hatte, zerfiel, und die ehemals vielbeschworene Völkerfreundschaft bekam auch im Alltag sichtbare und erfahrbare Brüche.

Mit der Auflösung der Sowjetunion und der Gründung unabhängiger Republiken veränderte sich auch die Stellung der Orientalistik als eigenständige Wissenschaftsdisziplin in den ehemaligen Sowjetrepubliken Mittelasiens. In den Jahren der Sowjetunion galten vor allem Moskau und Leningrad, daneben aber auch Taschkent als die bedeutendsten Fakultäten für Orientalistik. Nun ging Kasachstan als junge Republik daran, alte Traditionen auszubauen und neue eigene Strukturen in der Orientalistik zu entwickeln. Dina gehörte nach Abschluss ihrer Promotion in Moskau zu den ersten Dozenten, die - in einer politisch weitreichenden und ökonomisch schwierigen Umbruchphase - an der Al-Farabi Universität in Almaty eine junge Generation kasachstanischer Orientalisten ausbildeten.  Als Betreuerin einer Gruppe kasachstanischer Studenten ging sie 1990/91 an die Maulay Ismail Universität, Meknes in Marokko. 

Es folgten vier Jahre (1992-1996) am Institut für Orientalistik der Akademie der Wissenschaften Kasachstans. Während dieser Phase begegneten wir uns 1995 in Berlin wieder, als sie für drei Monate DAAD-Stipendiatin am 1992 gegründeten Forschungsschwerpunkt Moderner Orient in Berlin (FSP) war. In Europa begann das wissenschaftliche Interesse an der geopolitisch wichtigen Region Zentralasien zu wachsen. Dina sprach über islamische Bildung in Kasachstan, ein Thema, das sie später weiterverfolgte und ausbaute. Insgesamt verlagerte sich der inhaltliche Schwerpunkt ihrer Arbeit in den frühen 90er Jahren von der arabischen Welt (Schwerpunkte Marokko und Ägypten) auf Zentralasien und speziell auf  Kasachstan.

1996 kehrte sie von der Akademie der Wissenschaften an die Universität zurück, nunmehr als Leiterin des Lehrstuhls für Orientalische Sprachen an der neu gegründeten Fakultät für internationale Beziehungen. In dieser Funktion war sie maßgeblich an der Ausarbeitung neuer  Lehrpläne für künftige Dolmetscher, Übersetzer und Diplomaten beteiligt, was sich auch in ihren Forschungsthemen, z.B. in der Mitarbeit am Projekt Kasachstan im System gegenwärtiger internationaler Beziehungen  1996-1998 widerspiegelte. Dinas vorrangiges Interesse galt jedoch stets den Sprachen. Sie arbeitete an einem Projekt zu Nationalsprachen und die gesellschaftlichen Transformationen in Kasachstan und in den arabischen Ländern - Gemeinsamkeiten und Besonderheiten. Darüber hinaus widmete sie sich nun auch verstärkt dem Zusammenhang zwischen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen einerseits und religiös-sozialen sowie kulturellen Aspekten andererseits. Die Beteiligung an der Sommer-Universität in Budapest im Jahr 2000, in der religiöse Fragen in Zentral- und Osteuropa diskutiert wurden, war für sie eine entscheidende Erfahrung für ihren weiteren wissenschaftlichen Weg.

2001 kam Dina wieder nach Deutschland, diesmal aus Liebe zu ihrem Mann Rainer, den sie im November 2001 heiratete. Die Entscheidung, ihre Stelle als Leiterin des Lehrstuhls für Arabistik an der Al-Farabi Universität in Almaty aufzugeben, fiel ihr nicht leicht, nicht zuletzt wegen des Vaters und der älteren Schwester, die in Almaty blieben. Außerdem hatte Dina in den vorangegangenen fast  zwanzig Jahren mehrere Studentengenerationen begleitet, die inzwischen in renommierten Institutionen in Politik, Wirtschaft und Kultur Kasachstans arbeiteten. Ob, wann und wo sie in Deutschland weiter in ihrem Beruf arbeiten würde, war ungewiss. Dina entschied sich für dieses Risiko und stand zu ihrer Entscheidung, auch als sie merkte, dass ihr der berufliche Einstieg in Deutschland nicht leicht gemacht werden würde. Wie sie nach zahlreichen Antragsablehnungen immer wieder den Versuch unternahm, ein neues Projekt zu entwickeln, war beeindruckend. Zwischendurch unterstützte sie ihren Mann bei seiner Arbeit im Restaurant. 2004 endlich waren ihre Bemühungen erfolgreich und sie erhielt eine Finanzierung der Volkswagen Stiftung für ihr Projekt, dessen Ergebnisse 2009 in ihrer Monographie Arabisch-islamische Organisationen in Kasachstan: Exogener Einfluss auf die islamische Erneuerung (1991-2007)  erschienen.

Im Januar 2010 begann sie ihre Arbeit am ZMO mit dem Projekt Streitbare Öffentlichkeiten: „Diskussionsklubs“ in Kasachstan zwischen Politik, Wissenschaft und Islam. Neben ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit sah sie es als ihre wichtigste Aufgabe an, die Zentralasienforschung am ZMO aufzubauen, junge Kolleginnen zu unterstützen und zu begeistern und die Institution ZMO bei ihren Kollegen in Zentralasien bekannt zu machen. Mit Witz, Charme und Fleiß, gepaart mit der festen Überzeugung von der Richtigkeit ihres Ansatzes, baute Dina Brücken, die weiter bestehen werden. In diese Zeit der erfolgreichen Arbeit am ZMO fiel im Mai 2011 die Diagnose ihrer schweren Krankheit, die ihr Leben und das ihrer Familie von einem Tag zum anderen vollkommen veränderte. Für Dina stand fest, dass sie kämpfen würde. Sie wollte leben und alt werden. Als sie wenige Wochen vor ihrem Tod zu mir sagte: "Ich habe aufgehört zu lachen", schien sie selbst erschrocken über diese Feststellung, die sie wohl erkennen ließ, dass mit ihrem Lachen auch ihr Leben aufhören würde. Sie starb am 19. Januar 2012.

Heike Liebau

 

Соболезнование

С Диной меня познакомила ее сестра Галина на одном мероприятии. Впоследствии мне довелось немного поработать с Диной по некоторым вопросам. Она показала себя как отличный профессионал, наше сотрудничество всегда было успешным.
Дина останется в моей памяти как очень светлый и жизнерадостный человек. Это был ответственный и отзывчивый человек, полностью увлеченный своим делом, всегда готовый идти до конца к поставленной цели.
Выражаю соболезнование ее родным, близким, коллегам. Она ушла из жизни, но навечно остались в нашей памяти и в наших сердцах. Светлая ей память!

Alikhan Baimenov

 

Wissenschaft als Lebenskunst

Es ist 9 Uhr, die Tür zu meinem Büro geht auf und Dina kommt strahlend herein. Sie sprudelt voller neuer Ideen und Pläne und ihre Begeisterung zieht mich mit. Was gibt es aber nicht alles zu beachten in der akademischen Welt! Dinas ungeheure Erfahrung in der Planung, im Umgang mit Kollegen und mit der jüngeren Generation machten sie zu einer einmaligen Person. Die Begegnung mit ihr hat mich nachhaltig geprägt. Nichts ist einfach so bei ihr, alles wurde durchdacht, geplant und liebevoll durchgeführt. Bei ihr lernte ich, dass die akademische Welt mehr ist als das individuelle Streben nach Erfolg und die Massenproduktion von Texten, es ist eine Lebenskunst. Egal ob es die Planung einer Vortragreihe ist, die Teilnahme an offiziellen Anlässen, oder der Besuch eines Gastwissenschaftlers, alles hat seine sozialen Regeln. So wird die Wissenschaft zu einem Dialog zwischen Menschen, Kulturen und Völkern, es erweitert den Horizont und vernetzt, und sie verlangt die Reflektion der eigenen Position. Es war ein unglaubliches Glück, dass ich Dina begegnen durfte; sie war mir eine Mentorin, eine Kollegin und Freundin ganz besonderer Art und ich werde ihr ewig dankbar bleiben. 

Sophie Roche

 

Dina Wilkowsky – in memoriam

Dina Wilkowsky, damals Dina Nurtasinowa, war eine der ersten Forscherinnen, die sich im DAAD-geförderten Gastwissenschaftlerprogramm des ‚Forschungsschwerpunkt Moderner Orient in der Förderungsgesellschaft wissenschaftliche Neuvorhaben’ an der Prenzlauer Promenade 149 in Berlin mit den wissenschaftlichen Verhältnissen nach der Wende vertraut machten. Es war der Sommer 1994. Vor mir als dem offiziellen Gastgeber saß damals eine junge Dame von hoher sprachlicher Kompetenz, die leicht vom Russischen ins Deutsche, Englische oder Arabische wechseln konnte. Sie war neugierig auf die Verhältnisse in Berlin. Von Beginn an aber war deutlich, mit welcher Begeisterung sie ihr Forschungsfeld, die Situation von Muslimen in ihrem Heimatland Kasachstan und die Beziehungen des neu entstandenen Staates in Zentralasien zu arabischen Staaten nach dem Ende der Sowjet-Union bearbeitete. Intensiv machte sie sich in den wenigen Monaten ihres Aufenthalts mit der deutschen und englischen Literatur zu Zentralasien vertraut und ihr Referat vor den Mitarbeitern des Forschungsschwerpunktes war kenntnisreich, klar und voller bisher unbekannter Informationen.

Einige Jahre später, 2001, war Dina wieder in Berlin. Sie hatte einen Deutschen, Reiner Wilkowsky, kennengelernt und geheiratet. Ich weiß, dass es trotz oder gerade wegen mancher Unterschiede in ihren Lebenswegen zwischen den beiden eine liebevolle und glückliche Beziehung war. Dina hing sehr an ihrem Mann, der sie in seiner lebensklugen und praktischen Art immer wieder überraschen konnte. Er war stolz auf seine Frau und unterstützte sie mit großer Begeisterung.

Es gelang uns, für Dina 2004 ein VW-Projekt über den Islam in Kasachstan zu organisieren, das an der Humboldt-Universität angesiedelt wurde. Mit beeindruckender Energie ging sie daran, die technischen und personellen Voraussetzungen für das Projekt zu schaffen und setzte sich mit den für sie oft fremden Regeln und Zwängen administrativer Art mit unerschütterlichem Humor auseinander. Sie nutze die drei Jahre der Projektzeit intensiv. Von ihren Feldforschungen in Kasachstan kam sie stets mit neuen, spannenden Erkenntnissen zurück. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen veröffentlichte sie in international anerkannten Periodika und einer Monographie. Am Leibniz-Zentrum Moderner Orient fand sie danach den Ort, an dem sie im Austausch mit vielen Kolleginnen und Kollegen ihre Forschungen fortsetzen konnte. Sie hat sich dort sehr wohl gefühlt und lebte in der Vielfalt der Projekte, methodischen Ansätze und Debatten weiter auf. Allzu rasch brach diese glückliche Zeit ab.

Dina Wilkowsky war ein Mensch von großer Offenheit und Ehrlichkeit. Den auch im Wissenschaftsbetrieb ja nicht seltenen Intrigen und Verleumdungen stand sie oft fassungslos gegenüber. Schnell konnte sie sich aber davon wieder lösen und sich auf ihre Arbeit, ihre Familie und ihre Freunde konzentrieren.

Ihre Forschungsbegeisterung, ihre wissenschaftliche Neugierde, ihre Klugheit, ihr Humor und ihre Menschlichkeit werden allen, die sie kennenlernen durften, in Erinnerung bleiben.

Peter Heine