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12. September 2005, Neue Zürcher Zeitung

Kampf um die Ressource Bildung

Schwierige Zukunft für die Jugend in der arabischen Welt

In Ägypten ist mittlerweile die Hälfte der Bevölkerung weniger als 20 Jahre alt. Weder das Bildungssystem noch die Wirtschaft des Landes weisen auch nur annähernd die nötigen Kapazitäten auf, um den Heranwachsenden eine Zukunft zu garantieren; davon profitieren nicht zuletzt die islamistischen Organisationen.

Von Moritz Behrendt und Christian Meier

Haitham ist ein König auf acht Quadratmetern. Sie sind sein Reich, über das er freilich nur gebietet, um zur höchsten Befriedigung des Gastes beizutragen. Haitham herrscht, um zu dienen; dies aber tut er in formvollendetem Gestus. Mit ausladender Handbewegung reicht er dem Besucher ein Papiertuch, bei Bedarf auch mehrere. Er bedient den Wasserhahn und - die Balance zwischen Zurückhaltung und Aufdringlichkeit stets perfekt wahrend - den Seifenspender. Weitere sorgfältig zusammengelegte Papiertücher wechseln die Hand, bevor Haitham schliesslich zum grossen Finale ansetzt: Mit einem zitronigen Eau de Toilette besprüht er dem Besucher des kleinen WC Hände und Gesicht, und geböte man dem jungen Ägypter nicht Einhalt, würde er wohl gar nicht mehr damit aufhören.

Haitham ist 18 und WC-Boy in einem Strassenrestaurant in der Kairoer Innenstadt. Hier isst man lokale Kost, einfach und billig, doch ein tadelloser Service auf der Toilette gehört dazu. Einer wie Haitham ist bei weitem kein Unikat in Ägypten, doch mit seinem Hemd, der Anzughose, den schwarzen Schuhen und der übertriebenen Höflichkeit wirkt er an diesem Ort etwa so fehl am Platz wie ein Felix Krull als Oberkellner. Auf seine Madame Houpflé wird Haitham jedoch vergeblich warten. Wahrscheinlicher ist, dass er mit seinem schmalen Verdienst weiterhin die Familie unterstützt, sich vielleicht sogar eine Ausbildung finanzieren kann und schliesslich - da er nicht über die entsprechenden Kontakte verfügt - keine oder eine schlecht bezahlte Stelle finden wird.

Demographische Zeitbombe

Damit reiht Haitham sich ein in das Heer der jugendlichen Gelegenheitsarbeiter in Ägypten, mit knapp 80 Millionen Einwohnern Arabiens bevölkerungsreichster Staat. Wie im gesamten Nahen Osten ist dort seit einigen Jahrzehnten das Durchschnittsalter massiv gesunken: Jeder zweite Ägypter ist mittlerweile unter 20 Jahre alt, eine Woge junger Leute in heiratsfähigem Alter rollt auf das Land zu, dessen Einwohnerzahl alle neun Monate um eine Million zunimmt. Im Jahr 2050 wird es 130 Millionen Ägypter geben, während die Bevölkerung der arabischen Welt sich bis dahin verdoppelt haben wird, auf 600 Millionen Menschen. Kein Wunder, dass Alexander Haridi, der fünf Jahre lang die Kairoer Aussenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) leitete, sicher ist: «Jugend und Bildung werden in dieser Region das beherrschende Thema der nächsten zehn Jahre sein.»

Das dramatische Bevölkerungswachstum steht in einem merkwürdigen Gegensatz zum Wissen über die junge Generation. «Über die Vorstellungen, Träume und Ängste der jungen Leute ist immer noch viel zu wenig bekannt», meint Johannes Ebert, Leiter des Kairoer Goethe-Instituts. Gemeinsam mit dem Berliner «Leibniz-Zentrum Moderner Orient» lud er Ende Juni zu einer Konferenz in die ägyptische Hauptstadt ein, die sich mit «Jugend und Wertewandel» befasste. Fachleute aus Deutschland und arabischen Ländern diskutierten dort über Möglichkeiten, die Einstellungen der «schweigenden Mehrheit» in der arabischen Welt zu ergründen. Bei der Konferenz wurde jedoch vor allem eines deutlich: Zu viel Wissen ist in den meisten arabischen Staaten gar nicht erwünscht. In Ägypten müsse beispielsweise bei quantitativen Erhebungen jede Frage dem Jugendministerium vorgelegt werden, betonten arabische Teilnehmer. Da ist es zur Selbstzensur nicht mehr weit. Safei-Eddin Kharboush von der Universität Kairo, der praktisch die Sichtweise des Staates präsentierte, behauptete in seinem Abschlusskommentar denn auch, Studien über Jugendliche gebe es in dem Land doch zur Genüge - «wenn nicht sogar zu viele».

Der Grund für solchen vorauseilenden Gehorsam lässt sich leicht erahnen: «Die drei klassischen Tabuthemen in der arabischen Welt sind Sex, Religion und Politik», sagt Haridi. Sie könnten den offiziellen gesellschaftlich-religiösen Konsens in Frage stellen, auf dem die meisten dieser Staaten beruhen. Da die Politiker gleichzeitig aber vermuten, dass die Jugendlichen sich den überalterten Regimen und den konservativen Religionsgelehrten mittlerweile stark entfremdet haben, wollen sie es lieber gar nicht so genau wissen. Noch lassen sich Wahlen auch so gewinnen.

Freilich wird es zunehmend schwierig, zu übersehen, dass bei einem Teil der Jugend in Ägypten das politische Interesse erwacht ist. «Seit dem Irak-Krieg haben die Jugendlichen ihre politische Rolle zurückerobert», glaubt Diaa Rashwan vom Kairoer Al-Ahram-Zentrum für politische und strategische Studien. Nicht orchestrierte Demonstrationen junger Ägypter zu innenpolitischen Themen - so etwas habe es zuletzt bei den Brotrevolten von 1977 gegeben. Dass die regierende Nationaldemokratische Partei das Problem schon vor einigen Jahren erkannt habe und sich seither mit dem Präsidentensohn Gamal Mubarak als Lichtgestalt um ein jüngeres Image bemühe, helfe ihr jedoch wenig, urteilt Rashwan. Mit der neu gegründeten Oppositionsplattform «Kifaya» («Genug!») und viel mehr noch den islamistischen Muslimbrüdern stünden den Jugendlichen glaubwürdigere Alternativen zur Verfügung, meint der Politologe: «Der Erfolg dieser Bewegungen gerade bei den jungen Leuten zeigt, dass die etablierten Parteien ihnen nichts mehr zu bieten haben.» Daran ändert auch nichts, dass Präsident Hosni Mubarak gerade in seine fünfte Amtszeit gewählt worden ist.

Der Islam als Alternative

Auch wenn Rashwans Thesen umstritten sind und er konkrete Zahlen vermissen lässt, die seine Beobachtungen untermauern könnten, scheint klar, dass der politische und gesellschaftliche Stillstand immer mehr Jugendliche dazu bewegt, andere Wege der Partizipation zu suchen - islamische zumal. Je nachdem, welche Messlatte man anlegt, erscheint die ägyptische Jugend damit stark politisiert - oder sehr unpolitisch. Ein Student charakterisiert seine Generation so: «Die meisten Jugendlichen wollen doch nur einen guten Job, ein anderes Ziel haben sie nicht. Sie sitzen herum und wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen.» Die Soziologin Mona Abaza von der Amerikanischen Universität in Kairo glaubt, dass sowohl die Politisierung der Mittelklasse als auch die apolitische Haltung breiter Bevölkerungsschichten mit der zunehmenden Frustration der Jugend zu erklären sind. «Die jungen Leute in Ägypten können nicht mehr träumen», sagt Abaza. Der einzige Traum, den sie noch hätten, sei, das Land zu verlassen. Oder aber sie wendeten sich den Islamisten zu.

Szenenwechsel: In Libanon träumten viele Jugendliche in diesem Frühjahr von einer Revolution im eigenen Land. Als nach der Ermordung des Ex-Premiers Rafik Hariri Hunderttausende Libanesen auf die Strassen gingen, um gegen den Einfluss der Syrer in ihrem Lande zu demonstrieren, war es vor allem die Jeunesse dorée aus der Hauptstadt, die lautstark «Independence 05» skandierte. Viele Jugendliche zelteten auf dem Märtyrerplatz im Zentrum Beiruts, und sie wollten nicht weichen, bevor die Syrer sich aus dem Libanon zurückgezogen hatten. Für einen Moment sah es so aus, als habe der Mord an Hariri die Libanesen vereint, als seien die Grenzen zwischen den Konfessionen mit einem Male aufgehoben und als sei die Jugend der Motor des Wandels. Von einer «Wiedergeburt der Nation» sprachen denn auch viele euphorisch. Die Historikerin Jihane Sfeir-Khayat ist skeptischer. Sie redet spöttisch von der Gucci-Revolution der Reichen und Schönen, die die Trennlinien in der libanesischen Gesellschaft nur kurzfristig überdecken konnte. «Gerade in der jungen Generation sind die konfessionellen Grenzen sehr ausgeprägt. Die meisten Christen haben nichts mit Muslimen zu tun und andersherum. Und die Palästinenser bleiben sowieso völlig aussen vor», sagt sie.

Im Mai nahmen die Demonstrationen in Beirut gar absurde Züge an, als die Rückkehr des Generals Michel Aoun aus dem französischen Exil und die Freilassung des Milizenführers Samir Geagea gefordert wurden. Die Demonstranten waren wiederum mehrheitlich Jugendliche, die noch im Kindergartenalter waren, als die Truppen der Kriegsfürsten Aoun und Geagea sich in den achtziger Jahren blutige Gefechte lieferten. Davon wissen die meisten von ihnen nichts, denn in den Schulen wird die Geschichte des Bürgerkriegs nicht gelehrt. Dass es libanesische Verantwortliche für den Krieg im eigenen Land gegeben hat, wird von der Politik konsequent verdrängt. Nun sind die Syrer fort, vor allem wohl dank dem politischen Druck, den Frankreich und die USA ausgeübt haben. Der Konfessionalimus jedoch, der dem politischen und gesellschaftlichen System zugrunde liegt, blieb unangetastet.

«Mit Muslimen oder Palästinensern hatte ich nie zu tun», sagt Rony Chalash aus dem Christenviertel Ain er Rommane, der gerade eine Ausbildung zum Automechaniker macht. Dabei hat der 17-Jährige mit den Schiiten aus den armen Vororten und den Palästinensern aus den Flüchtlingslagern vielleicht mehr gemeinsam als mit vielen reicheren christlichen Jugendlichen. Denn ebenso scharf wie die konfessionellen Grenzen sind in Libanon diejenigen zwischen Arm und Reich. Die einen schlagen sich irgendwie durch und hoffen darauf, dass die Strassen in ihren Vierteln irgendwann einmal repariert werden und dass der Staat Geld für die weniger privilegierten Jugendlichen bereitstellt. Die anderen dagegen stehen vor der Frage, ob sie ihr Studium in Europa oder in den USA fortsetzen und was sie bei der nächsten Party anziehen sollen.

Schwarzmarkt der Bildung

Mehr denn je entscheidet im Nahen Osten die Herkunft über die Aussicht auf Bildung, Wissen und Erfolg. Libanon rühmt sich gerne, das toleranteste Land in der arabischen Welt zu sein, ein Land, in dem akademische Freiheit gross geschrieben werde und das Schulwesen weit entwickelt sei. Für diejenigen, die es sich leisten können, stimmt das auch: 5000 US-Dollar müssen die Eltern der Schüler des International College pro Schuljahr berappen. Dafür dürften die Schüler auch über heisse politische Themen reden, erzählt ein Lehrer stolz - Tabus gebe es nicht. Die 17-jährige Lamis stimmt zu. Früher war sie auf einer konfessionellen Schule im Schuf-Gebirge. «Wer dort über Politik geredet hat, ist von der Schule verwiesen worden», sagt sie. Wichtiger als der freie Umgangston ist den Schülern - oder ihren Eltern - aber, dass die Eliteschule ihnen für die Zukunft alle Türen öffnet: Lamis will Ernährungswissenschaften studieren, natürlich an der benachbarten American University of Beirut für rund 10 000 Dollar jährlich. Viele Knaben streben Ingenieurberufe an, um dann - wie ihre Väter - lukrative Jobs in den Golfstaaten zu ergattern. Der 18-jährige Ägypter Haitham, dessen vornehmste Aufgabe darin besteht, parfümiertes Wasser über die Besucher eines WC zu versprühen, blickt dagegen einem Leben am Rande des Existenzminimums ins Auge.

Kein Wunder, dass der Kampf um die Ressource Bildung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln geführt wird. Welche Fächer junge Ägypter studieren dürfen, hängt von ihrer Schulabschlussnote ab. Die Bedeutung der Abschlussprüfungen nach dem elften und zwölften Schuljahr hat einen wahren «Schwarzmarkt der Bildung» entstehen lassen. Ein Grossteil der Schüler muss private Nachhilfestunden nehmen, denn die Lehrer an den staatlichen Schulen sind nicht länger willens oder in der Lage, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen. Überfüllte Klassen mit sechzig oder mehr Schülern erschweren den Unterricht, und nicht zuletzt lockt auch das Geld: Vom Staat erhalten die Lehrer zwischen 120 und 450 ägyptische Pfund im Monat, umgerechnet nicht einmal 70 Franken. Durch privaten Nachhilfeunterricht können sie bis zu 10 000 Pfund verdienen, steuerfrei und illegal.

Nachhilfegesellschaft

So übergehen viele Lehrer im regulären Unterricht absichtlich Lehrplaninhalte, um ihre Schüler dann dazu zu drängen, bei ihnen Privatunterricht zu nehmen. Wer das Angebot nicht annimmt, muss damit rechnen, schlechtere Noten zu bekommen oder auf die hintersten Bänke im Klassenraum verbannt zu werden. «Die Nachhilfestunden verschlingen bei einigen Familien die Hälfte des Einkommens. Viele Eltern verschulden sich oder müssen Zweitjobs annehmen, um die Bildung ihrer Kinder zu finanzieren», sagt die Berliner Ethnologin Sarah Hartmann, die über die ägyptische «Nachhilfegesellschaft» geforscht hat. Die Naturwissenschaften stehen in der Hierarchie der Studienfächer ganz oben, dementsprechend ist in diesen Fächern private Nachhilfe besonders teuer. Wie viel Nachhilfe ein Schüler in Anspruch nehme, sei von der Finanzkraft der Eltern abhängig, sagt Hartmann. Die Chancengleichheit für alle Jugendlichen, die zu Nassers Zeiten einmal angestrebt worden sei, sei somit ausgehebelt. So verwundert es nicht, dass islamisch finanzierte Schulen, denen der Makel der Korruption nicht anhaftet, grossen Zulauf verzeichnen.

Bereits der erste «Arab Human Development Report» von 2002 bezeichnete die mangelnde Chancengleichheit im Bildungssektor als drängende Herausforderung für die arabischen Staaten. «Die Kluft zwischen Arm und Reich setzt sich bei der Ausbildung fort», unterstreicht auch Ehaab Abdou. Der 30-Jährige ist der Gründer von Nahdet El Mahrousa, einer ägyptischen NGO, die das Engagement von Jugendlichen für die eigene Gesellschaft fördern will. Die Mitglieder von Nahdet El Mahrousa sind junge Ägypter aus dem In- und Ausland. Fast alle stammen aus der gut gebildeten Oberschicht, auch Abdou, der in den USA internationale Entwicklung studiert hat. «Die Mehrheit der begüterten Jugendlichen in Ägypten lebt wie in einer Blase», sagt er. «Sie sehen TV-Programme aus der ganzen Welt, gehen in schicke Klubs, haben Autos, Häuser an der Riviera und so weiter. Wir wollen diesen Leuten beibringen, dass sie mehr tun müssen, als nur herumzusitzen und ab und zu etwas Geld an ein Waisenhaus zu spenden. Wir sagen ihnen: Eure Aufgabe ist, die Entwicklung dieses Landes voranzutreiben.»

Dass die Perspektivenlosigkeit der Jugend keineswegs nur ein innenpolitisches Problem der arabischen Staaten ist, demonstriert eine Studie des Zentrums für strategische Studien der Universität Amman aus dem Frühjahr dieses Jahres. Unter Jugendlichen und Ungebildeten seien die Vorbehalte gegenüber den USA und dem Westen am stärksten ausgeprägt, heisst es da. Diese Gruppen bildeten ein enormes Rekrutierungspotenzial für Gruppen wie al-Kaida. Und der Kairoer Büroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, Michael Lange, bezeichnet die Situation der Jugend in der arabischen Welt als «soziale und politische Zeitbombe».

Die sogenannte «Zedernrevolution» hat die grundlegenden Probleme in Libanon nicht beseitigen können. Und auch Hosni Mubaraks Versprechen, in den nächsten sechs Jahren Arbeitsplätze für 4,5 Millionen Jugendliche zu schaffen, wird an der ägyptischen Misere nicht viel ändern. Ein Roman, der die gesellschaftliche Verkrustung des Landes sehr eindringlich schildert, hat Ägypten seit seinem Erscheinen im Jahr 2002 in Aufregung versetzt: «The Yacoubian Building» des ägyptischen Schriftstellers Alaa El-Aswany. Der Sohn des Hauswächters darin heisst Taha, aber vielleicht könnte er auch Rony oder Haitham heissen. Taha träumt davon, Polizeioffizier zu werden. Als ihm diese Karriere verwehrt wird, schliesst er sich den Islamisten an. «Dieses Beispiel illustriert sehr deutlich die Sackgasse, in der sich die ägyptischen Jugendlichen befinden», sagt die Soziologin Mona Abaza. Dann spricht sie über die Terroranschläge, die Ägypten in diesem Jahr erschüttert haben. Und sie sagt einen Satz, der die Brisanz des Themas in aller Deutlichkeit vor Augen führt: «Auch die Terroristen sind jung.»

Christian Meier und Moritz Behrendt sind Redaktoren der Orient-Zeitschrift «zenith». Moritz Behrendt hat in Hamburg und Dakar Geschichte studiert, Christian Meier studiert Islamwissenschaft in Hamburg.

 
 
 
 

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