Perspektiven geisteswisssenschaftlicher Forschung

Tagung, 5. Dezember 2002
Friedrichstadtkirche am Französischen Dom, Gendarmenmarkt, Berlin-Mitte



Herausforderungen an die außereuropäischen Regionalwissenschaften

Von Ulrike Freitag

Außereuropäische Regionalwissenschaftler sehen sich seit den neunziger Jahren zunehmend mit der Bitte konfrontiert, möglichst knapp zu erklären, warum "der Islam" so gewaltbereit sei. Das gilt auch und gerade wenn sie sich mit den vom Islam geprägten Regionen zwischen Nordafrika und Südostasien befassen. An Stichworten mangelt es dabei bekanntlich nicht, Saddam Hussain und Usama bin Laden sind nur die bekanntesten. Fällt die Antwort zu kompliziert aus, werden griffigere Formulierungen zitiert wie jene von Samuel Huntington. Er sagte den "Konflikt der Kulturen" voraus, der in seiner deutschen Variante zum "Krieg " (Bassam Tibi) dramatisiert wurde. Diese spezielle Form der Kulturalisierung globaler Konflikte ist sicherlich die größte Herausforderung an die sich zunehmend kulturwissenschaftlich definierenden Regionalwissenschaften(1) . Ähnliches gilt für die nicht-islamischen Regionen(2).

Bevor ich im folgenden näher auf die inhaltlichen und methodischen Konsequenzen dieser Ausgangslage eingehe, möchte ich den Begriff der Regionalwissenschaften problematisieren und die daraus resultierenden strukturellen Herausforderungen ansprechen.

Die Genese der Regionalwissenschaften als eigenständige Fächer läßt sich historisch aus den Ursprüngen der Beschäftigung mit anderen, vor allem außereuropäischen Kulturen erklären. Nach religionshistorischen und sprachwissenschaftlichen Anfängen gab es im Zeitalter des Imperialismus wie auch während der Periode der Ost-West Konfrontation ein politisches Interesse an interdisziplinären Forschergruppen, welche die Entwicklungen in bestimmten Regionen verfolgen sollten. Als institutionelle Konsequenz finden sich in Deutschland, aber auch in Großbritannien oder den USA oft Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinien, die sich beispielsweise mit dem Nahen Osten beschäftigen, bei den Islamwissenschaftlern wieder. De facto wurde Islamwissenschaft so zunehmend zur Regionalwissenschaft für den Nahen Osten (mit Ausnahme Israels), trotz der religiösen Vielfalt dieser Region und der weit über sie hinausreichenden Verbreitung des Islams.

Die den Regionalwissenschaften zugeordneten Wissenschaftler befinden sich oft in einem Spannungsfeld zwischen ihrer regionalen Spezialisierung, die in der Regel mit Ausnahme gewisser philologischer Kenntnisse keine eigene Methodik aufweist, und ihrer methodischen und theoretischen Verortung. Dies variiert von Fach zu Fach: Anthropologen haben sich überhaupt erst in jüngerer Zeit auf Europa zurückbesonnen. Die Beschäftigung mit außereuropäischen Fragestellungen ist im Rahmen dieses Faches üblich und folglich fällt die Forschung über Indien oder Angola sozusagen in seinen Kernbereich. Anders verhält es sich in den Literaturwissenschaften oder in der Geschichte: Hans Ulrich Wehlers Hinweis, es gebe in Deutschland keine Nahosthistoriker(3), hat vor allem damit zu tun, daß hierzulande die historischen Fachbereiche überwiegend mit Deutschland-, gelegentlich noch mit Europa-Historikern besetzt sind. Die Außereuropa-Historiker wandern deshalb nolens volens in die Regionalwissenschaften oder ins Ausland ab, wo sie von ihren Historikerkollegen kaum noch wahrgenommen werden. Geschichte ist hier nur eins von mehreren möglichen Beispielen.

Trotz solcher Probleme bietet die regionale Organisation auch praktische Vorteile: Vom Spracherwerb über die Spezialbibliothek bis hin zu aktuellen Themen lassen sich durch die Bündelung der Regionalinteressenten Synergieeffekte erzielen. Das gilt insbesondere für die Regionen Afrika und Asien, die nicht Gegenstand der täglichen Debatte sind. Diese Vorteile werden im Vergleich mit Kollegen an kleineren US-amerikanischen Universitäten deutlich, die dort oft in die entsprechenden Fachdisziplinen integriert sind und meist als einzige im weiten Umkreis über eine bestimmte Region arbeiten.

Der Zusammenschluß von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen befördert ferner die so regelmäßig geforderte Interdisziplinarität in den Geisteswissenschaften. So hat beispielsweise der cultural turn, das Hinterfragen tradierter Kategorien und die Betonung der Dialektik von Bedeutungssystemen und Praxis, viele Außereuropa-Historiker aufgrund ihrer engen Beziehungen zur Anthropologie eher erreicht als ihre über Europa arbeitenden Kollegen.

• Eine zentrale strukturelle Herausforderung an Regionalwissenschaftler besteht folglich darin, den Dialog mit den Fachdisziplinen zu suchen, selbst wenn sich diese gelegentlich sperren. Dabei haben die Regionalwissenschaftler mit den aus der interdisziplinären Arbeit gewonnenen Erkenntnissen interessante Anregungen im Hinblick auf Methodenpluralismus und Konzepte anzubieten. Ebenso müssen aber neuere methodische und theoretische Debatten der Fachdisziplinen regelmäßiger als bislang wieder in die Regionalwissenschaften hineingetragen werden.(4)

Eine der naheliegendsten Möglichkeiten, einen solch vertieften Fachdialog zu beleben, ist der transkulturelle Vergleich, der über die dialogische Funktion hinaus zentral zur Selbstreflektion der Beteiligten beiträgt.(5) Es sei hier nur kurz darauf hingewiesen, daß ein solcher Vergleich nicht nur zwischen Wissenschaftlern notwendig ist, die über Europa und das nichtwestliche "Außereuropa" forschen. Auch jene, die sich mit Indien, dem Nahen Osten, Japan oder Südostasien befassen, sollten ihn untereinander führen. Denn auch hier haben sich regional spezifische Diskurse entwickelt, die erst durch eine komparative Perspektive erkannt und entsprechend erweitert oder präzisiert werden können. Nicht verwechselt werden sollte dies mit der transkulturellen Beziehungsgeschichte, die einen weiteren wichtigen Schritt für einen solchen Dialog darstellt. Wie fruchtbar die Kombination beider Ansätze sein kann, hat gerade jüngst eine Studie gezeigt, die Nahosthistoriker mit indischen Kollegen zusammengebracht hat.(6) Die Struktur des Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO), an dem Vertreter verschiedener Fachrichtungen und regionaler Spezialisierungen forschen und arbeiten, erleichtert derartige Ansätze.

Trotz der methodischen Probleme und der Vielfalt der Verwendungsmöglichkeiten kann eine vergleichende Perspektive wesentlich dazu beitragen, den Problemhorizont der zumeist regional oder national orientierten Forschung zu erweitern. Dies ist gerade in Zeiten der rapide voranschreitenden interkontinentalen Vernetzung und der wachsenden Zweifel an der Universalität normativer Verbindlichkeiten ein dringendes Desiderat.(7) Ein immer noch ebenso drängendes wie umstrittenes Kernthema derartiger Vergleiche ist dabei die Frage nach der Moderne beziehungsweise den Modernen. Gerade hier wird aber auch die Schwierigkeit der transkulturellen Verständigung deutlich. Gibt es, wie gerade in Abgrenzung gegen "den Islam" immer wieder behauptet wird, nur eine "Moderne", nämlich die aufklärerisch-westliche? Oder lassen sich andere Spielarten von Moderne ausfindig machen, etwa in den industrialisierten Regionen Ostasiens? Und inwieweit kann man auch im Nahen Osten von einer - islamisch geprägten - Moderne sprechen? Gegner einer solchen Auffassung, die in allen islamischen Tendenzen eher eine Anti-Moderne vermuten, führen in diesem Zusammenhang gerne das ehemalige afghanische Talibanregime an, ohne die Vielzahl islamischer Positionen zu würdigen.

Gerade die Moderne-Diskussion zeigt, daß Vergleiche - egal auf welcher Ebene - eine grundsätzliche Verständigung darüber erfordern, inwieweit verschiedene Kulturen überhaupt vergleichbar sind. So wichtig die Kritik am Orientalismus als Herrschaftswissen gerade für die kritische Reflektion der Asien- und Afrikawissenschaften war, so hat sie doch, im Verbund mit bestimmten Tendenzen des Postkolonialismus, auch die Entstehung eines neuen kulturellen Essentialismus begünstigt. Kulturelle Identitäten und Alteritäten, seien sie ethnischer, religiöser oder geschlechtsspezifischer Art, wurden häufig verabsolutiert. In Extremfällen bestritt man Außenstehenden die Möglichkeit, über die entsprechenden Gruppen sinnvolle Aussagen zu treffen. Die Auseinandersetzung mit dieser Problematik hat gerade in der anglo-amerikanischen Anthropologie die Darstellungsformen stark verändert, ohne das Problem der Forschung in transkulturellen Zusammenhängen dadurch grundsätzlich zu lösen.

Daraus ergibt sich unmittelbar die Frage, inwieweit es eine transkulturelle Begrifflichkeit geben kann, mit der sich Sozial- und Kulturwissenschaftler über die von ihnen behandelten Phänomene verständigen können. Es ist bezeichnend, daß auf kürzlich veranstalteten Tagung Philosophen, Linguisten, Soziologen, Orientalisten und andere keine Einigung über dieses Problem erzielen konnten.

• Die Reflexion solch grundsätzlicher Fragen transkultureller Verständigung und interkultureller Kommunikation ist eine dauerhafte Herausforderung an die Regionalwissenschaften. Hier sollte man intensiver als bisher mit der Linguistik kooperieren.

Die meisten Regionalwissenschaftler gehen jedoch - meist implizit - davon aus, daß es in der einen oder anderen Form Verständigungsmöglichkeiten über andere Kulturen gibt. Sie können dafür anführen, daß das westliche Analysevokabular in der Auseinandersetzung mit den entsprechenden lokalen Realitäten gebildet beziehungsweise an sie angepaßt wurde. Auch umgekehrt hatten afrikanische und asiatische Intellektuelle lange Zeit wenig Scheu, sich ihrerseits mit westlichem Gedankengut auseinanderzusetzen und dies auch sprachlich an ihre Bedürfnisse zu adaptieren.(8) Allerdings sind perspektivische Differenzen zwischen Innen- und Außensichten zu erwarten.

Dennoch wird inzwischen nicht nur verstärkte Selbstreflexivität, sondern vor allem das "Forschen mit" jenen gefordert, deren Gesellschaften das Interesse der Regionalwissenschaftler finden.(9) Aus dem "einheimischen Informanten", der Quellen oder nützliche Hintergrundinformationen liefert, soll ein gleichberechtigter Partner bei der Entwicklung und Bearbeitung der wissenschaftlichen Fragen werden. Man hofft, daß dadurch nicht nur Vokabular und Inhalte der Untersuchungen einer kritischeren Beurteilung unterworfen werden, sondern vor allem, daß das von den Orientalismuskritikern angegriffene Definitionsmonopol westlicher Wissenschaftler beendet wird. Schließlich hat diese de facto definitorische Hegemonie weit über das Ende der Kolonialzeit hinaus gewirkt.(10) Mittelfristig, und zur Entwicklung wirklich transkultureller Begrifflichkeiten ist ein darüber hinausgehender "Polylog"(11) erforderlich, der Wissenschaftler einer Disziplin zusammenbringt, die über verschiedene Regionen forschen.

Ohne diese forschungspolitische Forderung in Frage stellen zu wollen, sei hier kurz auf einige praktische Schwierigkeiten hingewiesen. Zum einen treffen in vielen Fällen sehr unterschiedliche Wissenskulturen aufeinander. Dies bereichert, erfordert jedoch oft grundsätzliche Selbstreflexion. Zum anderen, und dies ist in der Praxis oft etwas problematischer, ist die Lage der Geisteswissenschaften in Asien und Afrika in vielen Fällen desolat. Der libanesische Historiker Wajih Kawtharani beispielsweise schreibt über den Nahen Osten, daß die arabischen Geistes- und Sozialwissenschaftler aufgrund der zumeist autoritären Regierungssysteme und der vorherrschenden Zensur anders als ihre westlichen Kollegen von der politischen Sphäre ausgeschlossen seien.(12) Dies schaffe wenig Anreize zur intellektuellen Diskussion und sei dem Sozialprestige der Fächer höchst abträglich. Zudem seien die Methoden oft unkritisch aus dem Westen übernommen und an die lokalen Gegenbenheiten nur ungenügend angepaßt. All dies resultiere in deskriptiven, wenig innovativen Publikationen, sofern die Wissenschaftler nicht ohnehin ihre wissenschaftliche Arbeit einstellten. Kawtharani verweist auch auf die materiellen Umstände der Universitäten und vieler nahöstlicher Geisteswissenschaftler. Diese hat in vielen Teilen Afrikas zu einem regelrechten brain drain geführt. Die verbleibenden Kollegen, die ebenso wie im Nahen Osten häufig noch mit vielerlei politischen Problemen konfrontiert sind, wandern oft in die Politik oder Consultancies ab, um ein Auskommen zu finden.

•Hieraus ergeben sich auch bei bestem Willen aller Beteiligten immer wieder erhebliche Herausforderungen in der konkreten "Forschung mit" - von der oft schwierigen Suche nach gemeinsamen theoretischen Prämissen hin zur heiklen Frage, wie unter solchen Umständen mit politisch sensiblen Themen umzugehen ist, die es für Historiker ebenso gibt wie für Soziologen. Die offene Analyse solcher Probleme wird allzu häufig vermieden, geht es doch um die Thematisierung von internationalen Ungleichheiten und Problemen, die für alle Seiten unangenehm, in manchen Fällen brisant sind. Die am ZMO gegebene Möglichkeit, auch längere Gastwissenschaftleraufenthalte zwecks der Durchführung gemeinsamer Forschungsunternehmen zu organisieren, sowie langfristige Forschungsaufenthalte der ZMO-Mitarbeiter in der Region stellen ein unschätzbares Instrument der Kooperation dar.

Lassen Sie mich abschließend noch auf zwei zentrale thematische Herausforderungen eingehen. Diese ergeben sich meines Erachtens ebenso aus der bisherigen Diskussion wie aus den anfänglichen Beobachtungen, welche die populäre Nachfrage nach regionalwissenschaftlichen Erkenntnissen etwas zugespitzt formulierten.

Die erste Herausforderung ist eine Folge der Kulturalisierung weltpolitischer Konstellationen. Ich hatte schon auf die Untersuchung der Beziehungen zwischen Kulturen - die in sich sehr heterogene Gebilde sind - im Zusammenhang mit dem disziplinären Dialog hingewiesen. Diese stellt meines Erachtens ein unentbehrliches Korrektiv gegen alle Tendenzen dar, kulturelle Grenzen überzubewerten.(13) Mit Kulturbeziehungen ist deutlich mehr gemeint als die relativ gut erforschte Geschichte der internationalen Beziehungen, selbst in ihrer geistes-, kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Erweiterung. Translokale Bewegungen und Beziehungen fanden nicht nur auf der Ebene von Kriegen, Diplomaten, Studentenmissionen und Handelsaustausch statt. Zu denken ist auch an die vielfältigen Kontakte durch Arbeitsmigration und Sklaverei, an religiöse Netzwerke, die kulturelle, nationale und regionale Grenzen überspannen, an Handelsdiasporen oder an die internationalen Crews von Supertankern und osteuropäische Prostituierte in der Golfregion.(14) Nun kann es nicht um eine additive Bestandsaufnahme solcher Kontakte gehen. Vielmehr muß gefragt werden, inwieweit die Bewegungen von Menschen tatsächlich Beziehungen etablieren und was diese kulturell bedeuten. Es ist einfach, vom Kosmopolitanismus der Hafenstädte zu sprechen - wesentlich schwieriger ist es, diesen in seinem historischen Wandel zu erfassen.(15) Umgekehrt bilden sich in Kontaktzonen neue Identitäten, die geschichtsmächtig werden können. Die in den letzten Jahren viel gefeierte "Hybridität" ist insofern eine, wenn auch keineswegs die einzige oder dominante Folge solcher Kontakte. Hier ist gerade angesichts der globalen Dimensionen solcher Fragestellungen ein Gespür für präzise Mikrogeschichte notwendig, das häufig auch bei einer historischen Orientierung die Offenheit für anthropologische Vorgehensweisen erfordert.

Eine solche Beziehungsgeschichte kann und soll die Existenz kultureller Grenzen weder leugnen noch aufheben.(16) Aber sie kann dazu beitragen, die vielen Bereiche, in denen sich kulturelle Praktiken und Identitäten überlappen, sowie die vielfältigen Verbindungslinien zwischen Kulturen zu zeigen. Das Forschungsprogramm des ZMO untersucht anhand verschiedener Einzelfallstudien translokale Beziehungen in ihrem Wandel. Damit historisiert es Prozesse kultureller Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen.

Die zweite thematische Herausforderung schließt an die erste an. Wie diese setzt sie an den Rändern an, allerdings diesmal nicht an kulturellen Grenzen, sondern an den Verwerfungen des Globalisierungsprozesses.(17) Die dadurch verursachten Brüche und Krisen, die Gewinner und Verlierer dieser Entwicklung sind ein wichtiges Thema des Aspekts regionalwissenschaftlicher Forschung, der sich mit dem Thema "Moderne" befaßt. Lange Zeit standen die modernisierenden Kräfte im Vordergrund. Inzwischen zeichnet sich ein wachsendes Interesse an den Verlierern und Gegnern dieser Prozesse ab. Dies läßt sich vordergründig durchaus mit der Zunahme gewaltsamer Auseinandersetzungen erklären. Allerdings nimmt es auch ältere wissenschaftliche Ansätze wie etwa Fragestellungen der subaltern studies auf.(18)

Regionalwissenschaftliche Grundlagenforschung, selbst wenn sie nicht politik-, sondern kulturwissenschaftlich orientiert ist, reagiert auf aktuelle Fragestellungen. Oft ist sie ihnen sogar voraus.(19) Auch hier gilt, was vor einiger Zeit generell über den Normalfall der heutigen Forschung gesagt wurde: "Das Besondere an der Grundlagenforschung ist nicht länger ihre Abgrenzung gegenüber der Anwendung, sondern ihre Unabhängigkeit von direkten Verwertungsinteressen".(20) Griffige Formeln allerdings, dies hoffe ich gezeigt zu haben, lassen sich auch in Zukunft nicht erwarten - eher wohl deren Dekonstruktion und das Angebot komplexer Erklärungsmuster. Diese in geeigneter Form zu vermitteln und damit zu einer kulturellen "Übersetzung" beizutragen und gefährlichen anti-aufklärerischen Impulsen entgegenzuwirken, das ist die wichtigste und schwierigste Herausforderung an die Regionalwissenschaften. Ihre politische Bedeutung läßt sich kaum überschätzen.

© Ulrike Freitag, Berlin, 5.12.2002

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(1) Zum umfassenden inhaltlichen Verständnis von Kulturwissenschaft in historischer Perspektive vgl. Rudolf Vierhaus, "Dimensionen einer Historischen Kulturwissenschaft", in A. Lubinski, T. Rudert & M. Schattkowsky, Historie und Eigen-Sinn. Festschrift für Jan Peters zum 65. Geburtstag, Weimar 1997, S. 129-138.
(2) Z. B. im Fall von Ruanda, vgl. Thomass Assheuer, "Piraten der neuen Welt", Die Zeit 27.9.2001.
(3) Interview mit Ralph Bollmann, taz 10.9.2002. Zu dem Problem s.a. Andreas Eckert, "Gefangen in der Alten Welt", Die Zeit 26.9.2002.
(4) Für die Nahostwissenschaften vgl. Rashid Khalidi, "Is there a future for Middle East Studies", MESA Bulletin 29 (1995), S. 1-6.
(5) Dazu grundlegend Heinz-Gerhard Haupt & Jürgen Kocka, "Historischer Vergleich: Methoden, Aufgaben, Probleme. Eine Einleitung", in diess (Hrsg.), Geschichte und Vergleich. Ansätze und Ergebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung, Frankfurt etc. 1996, S. 9-47, Jürgen Osterhammel, "Transkulturell vergleichende Geschichtswissenschaft", ibid., S. 271-313, für einen Anwendungsvorschlag vgl. Asef Bayat, "Studying Middle Eastern Societies, Imperatives and Modalities of Thinking Comparatively", in MESA Bulletin 35 (2001), S. 151-158.
(6) Leila Fawaz & Chris Bayly (Hrsg.), Culture and Modernity, Cambridge etc. 2002.
(7) Jürgen Osterhammel, "Sozialgeschichte im Zivilisationsvergleich", GuG 22 (1996), S. 143-164.
(8) Ein Beispiel hierfür ist die arabische nahda im 19. Jahrhundert.
(9) Z.B. Michael Lackner & Michael Werner (Hrsg.), Der cultural turn in den Humanwissenschaften. Area Studies im Auf- oder Abwind des Kulturalismus? Bad Homburg, Werner-Reimers Stiftung [Suchprozesse für innovative Fragestellungen in der Wissenschaft, Bd. 2] 1999.
(10) Dies erscheint mir über Said's ursprüngliche Aussagen hinweg ein wichtiger Aspekt auch der weiteren Debatte. Vgl. dazu ausführlicher Ulrike Freitag, "The Critique of Orientalism". In: Michael Bentley (Hrsg.), Companion to Historiography. New York etc. 1997, S. 620-638.
(11) Michael Lackner & Michael Werner (Hrsg.), Der cultural turn in den Humanwissenschaften, S. 59f.
(12) Wajih Kawtharani, "al-Bahth wa-l-bahith wa-l-mu'assasa al-akadimiyya, ishkaliyyat al-mawqiþ wa-l-dawr li-l-'ulum al-insan wa-l-mujtama'", in: A. Hoteit & M. Makhzoum (Hrsg.), Mélanges historiques en hommage à Mounir Ismail, Beirut 2002, S. 313-334.
(13) Aus der umfangreichen Literatur hierzu vgl. beispielsweise Akhil Gupta & James Ferguson, "Beyond 'Culture': Space, identity, and the Politics of Difference", Cultural Anthropology 7;1 (1992), S. 6-23.
(14) Dazu grundsätzlich Jürgen Osterhammel, "Transnationale Gesellschaftsgeschichte", GuG 27 (2001), S. 464-479, s.a. Achim von Oppen, "Einleitung", DFG-Antrag des ZMO, Juni 2002.
(15) Hierbei ist z.B. an den Kontrast zwischen Izmir und Singapur zu denken! Zu Izmir vgl. Daniel Goffman, "Izmir: from village to colonial port city". In E. Eldem, D. Goffman, Daniel & B. Masters (Hrsg.): The Ottoman City Between East and West, Cambridge etc. 1999, S. 79-134.
(16) Zur Frage kultureller Grenzen vgl. Jürgen Osterhammel, "Kulturelle Grenzen in historischer Perspektive", in Ernst Ulrich v. Weizsäcker (Hrsg.), Grenzen-los? Berlin etc. 1997, S. 213-227.
(17) In seiner vom Westen geprägten Form läßt sich dieser ins frühe 16. Jahrhundert zurückverfolgen.
(18) Hier wäre z.B. an die Subaltern Studies zu denken, Für deren Fruchtbarkeit in Bezug auf den Nahen Osten vgl. Sabra J. Webber, "Middle East Studies & Subaltern Studies", MESA Bulletin 31 (1997), S. 11-16, kritischer zu dem Projekt Vinay Bahl, "Situation and Rethinking Subaltern Studies for Writing Working-Class History", in A. Dirlik, V. Bahl & P. Gran, History After the Three Worlds, Lanham etc. 2000, S. 85-124 mit ausführlichen Literaturangaben.
(19) Hier wäre beispielsweise an den Globalisierungsschwerpunkt des ZMO zwischen 1996 und 2000 zu denken, bevor dieses Thema in seiner historischen Dimension so deutlich erkannt wurde wie heute.
(20) Jürgen Mittelstraß, "Zukunft Forschung. Perspektiven der Hochschulforschung in einer Leonardo-Welt", Essener Hochschulblätter, Essen 1990, S. 15-41, hier S. 32.