Lebensalter und Generation

Kriegsführung und Wohlfahrt: Die Sakralisierung der Altenfürsorge zwischen Familie, Staat und translokalen Netzwerken im Grenzgebiet zwischen Iran und Irak

Dr. Sana Chavoshian

Bislang wurde der Iran-Irak-Kriegs (1980-1988) kaum in Bezug auf die Konstituierung der iranischen Nachkriegspolitik untersucht. Das gilt insbesondere für deren Auswirkungen auf den sozialen Wiederaufbau in den Grenzregionen. Die allgemeine Ignoranz gegenüber den ehemaligen Kriegszonen und vor allem der Abwanderung junger Menschen aus den südwestlichen Grenzgebieten führte im letzten Jahrzehnt auch vor dem Hintergrund der internationalen Wirtschaftssanktionen zu starken Veränderungen. Auf der Suche nach Strategien zur Umgehung der Sanktionen übernahmen religiöse Institutionen die Führung bei regionalen staatlichen und privatwirtschaftlichen Investitionen in die Infrastruktur. Seit der Aufnahme von Familien gefallener Soldaten als "Märtyrer-Familien" in die Märtyrer-Stiftung, engagieren sich verschiedene religiöse Einrichtungen aktiv an der Errichtung von Straßen sowie beim Bau von Gedenkstätten und Schreinen für die Märtyrer. Gleichzeitig bieten sie Unterstützung bei der Pilgerfahrt zu den historischen heiligen Stätten im Irak an – einem späten Lebenswunsch vielen Familien. Mit diesem Projekt untersuche ich einerseits die bleibenden Auswirkungen von Konflikt und Krieg und, andererseits, die Wirkung der neuen Bauprojekte auf die späten Lebensabschnitte der Bewohner dieser Grenzgebiete. Hierbei gehe ich der Frage nach, ob der iranische Staat den religiösen Einrichtungen die Altenpflege überträgt? Inwiefern haben sich die ehemaligen Kriegsgebiete in eine „Altenlandschaft“ verwandelt, in der ein Wettbewerb um die Anerkennung als Märtyrer-Familie oder Kriegsteilnehmer herrscht? Der damit zusammenhängende Status berechtigt zu staatlicher Unterstützung, die in dieser Region überlebenswichtig ist.

Die Studie untersucht wie die Affekte von Mitschuld, Leid und Unruhen sowie die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit unter Kriegsveteranen und Einheimischen eine neue Dynamik der Sakralisierung/Profanisierung der Altenpflege hervorruft. Diese führt seit den 1980er Jahren zu einer Neuausrichtung intergenerationaler Normen und Erwartungen in der Grenzprovinz Khuzestan, aber auch in Teheran. Das Forschungsprojekt ist somit an der Schnittstelle von Pflege-, Religions- und Aspirationsforschung angesiedelt. Es untersucht die Beziehungen zwischen den Generationen im Kontext regionaler Kriege und Nachkriegs-Dystopien durch die Linse staatlicher Einrichtungen und translokaler professioneller Netzwerke zur Altenpflege.

Das Projekt legt eine translokale Perspektive an, indem es das kontrastreiche Umfeld der Pflege nicht nur mit Blick auf die komplexe Nachkriegssituation und die Geographie einer Grenzzone untersucht, sondern die breitere Bewegung von Ideen und Praktiken der Lebenssicherung in der durch die Sanktionen geprägten Zeit untersucht.