
Diese Forschungseinheit untersucht das Zusammenspiel zwischen Religion, intellektueller Kultur und Alltagsleben in verschiedenen Gesellschaften, mit besonderem Schwerpunkt auf der „muslimischen Welt“ und aus verschiedenen disziplinären Blickwinkeln. Wir untersuchen „Religion(en)“ sowohl als diskursive Traditionen als auch als dynamische, verbindende (aber oft umstrittene) Normen und Praktiken in verschiedenen Lebenswelten. Unser Verständnis von „intellektueller Kultur“ umfasst eine Reihe historisch gewachsener und regionalspezifischer Narrative und wissensorientierter Praktiken, die oft ein bestimmtes Verständnis davon widerspiegeln, wie man ein sinnvolles Leben führt. Diese können auch mit religiösen Traditionen sowie (trans)regionalen Sozial- und Ideengeschichten verbunden sein.
Die Beziehungen (und Spannungen) zwischen religiöser und philosophischer Weltgestaltung sind für uns von besonderem Interesse und Anliegen. Als Forscher*innen nutzen wir verschiedene Methoden und biographische, historische, ethnographische, materielle, textuelle, vergleichende und kontextualisierende Ansätze. Die Beherrschung der jeweiligen lokalen Sprachen sowie die Kenntnis (trans)lokaler Begriffsfelder ist dabei zentral. Dies trägt zur Überwindung einer euro-phonen und eurozentristischen Wissenschaft bei, auf dem Weg zu adäquateren (regional untermauerten Begriffen der Analyse, die helfen kann, einige der gegenwärtig drängenden dekolonialen Probleme anzugehen.
Von besonderem Interesse ist auch die Art und Weise, wie technologische Innovationen, in jüngster Zeit vor allem Digitalisierungsprozesse, der Austausch über soziale Medien und künstliche Intelligenz (KI), die menschliche Erfahrung auf verschiedenen Ebenen prägen und ihrerseits neu gestalten, während sie ursprünglich von ihr geprägt wurden. Einige Mitglieder der Forschungseinheit nutzen Methoden und Ressourcen der digitalen Geisteswissenschaften wie Text Mining, Netzwerkanalyse oder digitale Archive, um diese Veränderungen zu erforschen und die Grenzen der traditionellen Forschung in der Auseinandersetzung mit Religion und intellektueller Kultur zu erweitern.
Obwohl unser Hauptaugenmerk auf muslimisch geprägtenen Gesellschaften (einschließlich muslimischer säkularer Positionen) liegt, erstreckt sich unsere Forschung auch auf vergleichende Studien mit anderen religiösen Traditionen, einschließlich Christentum, Judentum, Hinduismus und anderen endogenen Religionen. Dieser vergleichende Ansatz bereichert unser Verständnis dafür, inwiefern verschiedene Religionen in vielen Regionen seit jeher von Bedeutung sind. Unsere Forschung sieht Annahmen über muslimische Gesellschaften als besonders „gesetzestreue“ (Scharia/Gesetz) oder „religiöse“ Gemeinschaften kritisch. Stattdessen stellt eine lebensweltliche Perspektive dies in Frage und fördert die Untersuchung individueller Aushandlungsprozesse, die bestimmen, wie religiöses Engagement und Überzeugung, aber auch Wissen und Bildung in die Praxis und Navigation des Alltagslebens einfließen und sich in Bezug auf spezifische (trans)regionale Aspekte der religiösen Orientierung und der intellektuellen Kultur im weiteren Sinne auswirken. Eine solche Perspektive, die in einigen unserer Projekte verfolgt wird, stärkt den Blick auf die komplexen Dimensionen menschlicher Praktiken der Sinnstiftung, einschließlich der Aufmerksamkeit für eine umfassendere und sogar universelle Absicht und Wirkung, die soziale Akteure mit ihnen verbinden können.
Die Forschung in unserer Abteilung untersucht auf unterschiedliche Weise, wie Religiosität, Wissen und intellektuelle Praxis im Alltag Orientierung bieten. Die verschiedenen Arten, wie diese mobilisiert und übersetzt werden (z.B. in individuelle und kollektive Lebensentwürfe und Sinnstiftung), werden in Zeiten fortschreitender Dekolonisierung untersucht - unter anderem mit Blick auf Spannungsfelder mit dem (säkularen) Staat. Auch die Dynamik von Lernkulturen und religiöser Erziehung und Bildung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten ist von besonderem Interesse.
Wie werden solche Formen über ihren Entstehungskontext hinaus geteilt, weitergegeben, vermittelt und angeeignet? Welche historisch gewachsenen Formen der Auseinandersetzung mit der Lebenswelt oder dem globalen politischen Umfeld werden genutzt? In welcher Weise werden kreative und kritische Wissenstraditionen fortgeführt oder transformiert, und mit welchen Motivationen? Welche Dynamiken haben sich in diesen Kontexten herausgebildet? Aber auch: Wie beeinflussen und bereichern sich akademische und nicht-akademische (organische oder integrale) intellektuelle Traditionen und Schulen des Wissens in unseren Studienregionen gegenseitig? Dies sind nur einige der Fragen, denen hier nachgegangen werden soll.