Jannes Thode - Staat und Gesellschaft

Changing Structures of Violence during the Territorial Expansion of the British Company-State in Bengal

Jannes Thode
 

In meiner Dissertation möchte ich die gegenwärtige Forschung zum Zusammenhang von Affekt und Gewalt im kolonialen Indien bereichern. Ich versuche zu beantworten, wie verschiedene Affekte miteinander verflochten waren, wie sie im sozio-physischen Raum gelebt und materialisiert wurden und wie sie die Anwendung von Gewalt ermöglichten und erleichterten. Durch die Beantwortung dieser Fragen möchte ich nicht nur romantisierende Darstellungen des britischen Empires kritisieren, sondern auch einen Beitrag zur Debatte über koloniale Gewalt leisten, indem ich die Bedeutung atmosphärischer Praktiken als Vorbedingungen für gewalttätiges Handeln aufzeige.

Ich untersuche den Zusammenhang von Affekt und Gewalt im frühen kolonialen Bengalen (1756–1793), als die East India Company von einer Handelsgesellschaft zu einem lokalen Herrscher aufstieg. Dieser Aufstieg war von einer affektiven Umstrukturierung begleitet. Die fließenden, interaktiven Beziehungen zwischen Kompaniebeamten und lokalen Vermittlern wandelten sich allmählich zu distanzierteren, skeptischeren, misstrauischeren und rassistischeren.

Zunächst gebe ich einen tieferen Einblick in die affektive Landschaft der britischen Gesellschaft in Bengalen und zeichne ihre Veränderungen während des Untersuchungszeitraums nach. Ich konzentriere mich nicht auf einen Affekt oder eine bestimmte soziale Gruppe, sondern betrachte die affektive Landschaft als komplex und vielschichtig mit verschiedenen Affekten, die miteinander in Konflikt stehen oder konvergieren, sich gegenseitig dämpfen oder verstärken. Ich denke, dass nur dieser Komplex verschiedener, miteinander verwobener Affekte den gewalttätigen Charakter des britischen Empire im kolonialen Indien angemessen fassen kann.

Zweitens betrachte ich Affekt als eine Beziehung zwischen Körpern und Dingen, die den sozio-physischen Raum bewohnen und formen. Mithilfe des Begriffs der Atmosphäre untersuche ich die physische Materialisierung von Affekt und zeige, wie das Gefühlsleben der Einzelnen durch die Räume, die sie bewohnen, zum Ausdruck kommt und gleichzeitig von diesen Räumen geprägt wird. Ich verstehe daher Architektur oder räumliche Rituale als affektive Praktiken, die eine Atmosphäre erzeugen und verändern. In diesem Sinne schufen oder eigneten sich die Briten bestimmte Räume und Rituale an, um sich zu Hause zu fühlen und eine Atmosphäre der Sicherheit und Geborgenheit zu kreieren.

Schließlich möchte ich untersuchen, wie atmosphärische Praktiken die Bedingungen dafür schufen, dass koloniale Gewalt sowohl in alltäglichen Interaktionen als auch in außergewöhnlichen Exzessen entstehen konnte. Ich argumentiere, dass die Briten durch die Gestaltung des sozio-physischen Raums eine Atmosphäre der Spannung erzeugten, die Gewalt begünstigte. Die Praktiken, die sie anwandten, um ihrer Angst entgegenzuwirken, waren dabei immer schon von einer Konfrontation mit dieser Angst begleitet und verstärkten sie. Indem sie versuchten, an einem fremden Ort britische Räume zu schaffen, wurde die Fremdheit dieses Ortes noch auffälliger und einschüchternder, während ihre eigene Machtdemonstration die britischen Akteure beruhigte und die Hemmschwelle für die Ausübung von Gewalt senkte.