Übersetzungen moderner indischer Literatur in der DDR – Zwischen Ideologie, Zensur und Kultur-Diplomatie
Das Projekt betrachtet Übersetzungen aus modernen indischen Sprachen, darunter auch aus dem indischen Englisch, die in der DDR in einem Spannungsfeld zwischen Ideologie und Kulturdiplomatie veröffentlicht wurden. Unter Bezugnahme auf die offiziellen Rahmenbedingungen des Verlagswesens in der DDR, die durch die institutionalisierte Praxis der Zensur gekennzeichnet waren, wird der Diskurs zur politisch-ideologischen Bewertung des Textes und des Autors analysiert. Darüber hinaus ist die literarische bzw. ästhetische Bewertung der Texte von Interesse, vor allem im Hinblick auf ein postuliertes Ideal einer für das „Leseland“ DDR akzeptablen „internationalen Gegenwartsliteratur“. Insgesamt gab es zwischen 1963 und 1990 etwa 45 solcher Übersetzungen aus indischen Sprachen, die zu Beginn oft über das Englische oder Russische vermittelt waren.
Geplant sind zwei Fallstudien: Eine befasst sich mit dem Diskurs, der die politisch gewollte Veröffentlichung von Übersetzungen aus dem literarischen Werk Tagores zur Hundertjahrfeier begleitete, während ein weiterer Schwerpunkt auf kontrovers diskutierten Übersetzungen aus dem gesamten betrachteten Zeitraum liegt. Dabei soll immer auch die Rolle der Akteure – Verlagslektoren, Gutachter, Übersetzer sowie Kulturfunktionäre – im Blickfeld stehen. Ich gehe davon aus, dass die Analysen der Bewertungen literarischer Werke aus modernen südasiatischen Sprachen zeigen werden, dass sie die politischen Entwicklungen in der DDR, die interne Kulturpolitik sowie die bilateralen Beziehungen zwischen Indien und der DDR widerspiegeln. Dies soll Aufschluss geben über die Rolle von Übersetzungen in der Kulturdiplomatie der DDR gegenüber Indien vor der politischen Anerkennung der DDR sowie über die wachsende Autonomie der Literaturexperten und ihrer Bewertungen ab den frühen 1970er Jahren. Auf diese Weise hoffe ich, diese veröffentlichten Übersetzungen in den weiteren Rahmen der verflochtenen Beziehungen Südasiens und der DDR im Bereich von Literatur, Kultur und Politik einordnen zu können.
Dieses Forschungsprojekt ist Teil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Langzeitprojekts Das modernes Indien in deutschen Archiven, 1706-1989 (MIDA), an dem Prof. Dr. Ravi Ahuja, Centre for Modern Indian Studies (CeMIS), Universität Göttingen, Dr. Heike Liebau, Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO) Berlin, und Prof. Dr. Michael Mann, Institut für Asien- und Afrikawissenschaften (IAAW), HU Berlin, beteiligt sind.