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Frankreichs ungleiche Brüder und der Preis der Freiheit
Afrikanische Kriegsveteranen zwischen öffentlichem Gedenken und schmerzlichen Erinnerungen (ZMO-Studien 18)

Prof. Brigitte Reinwald
Historisches Seminar, Universität Hannover

ABSTRACT
Insgesamt etwa eine halbe Million Männer aus Frankreichs Kolonien in West- und Zentralafrika haben als Wehrpflichtige an den beiden Weltkriegen und den anschließenden Kolonialkriegen auf Madagaskar (1947-1948), in Indochina (1945-1954) und Algerien (1954-1962) teilgenommen. Die bis heute nicht eingelösten Forderungen afrikanischer Veteranen nach Gleichstellung mit ihren französischen Kameraden in Fragen der Alters- und Invaliditätsrenten machen deutlich, dass dieses Kapitel der französischen Kolonialgeschichte noch nicht abgeschlossen ist. Eng damit verknüpft, haben sich die massenhaften, überwiegend erzwungenen Fremdeinsätze für die ehemalige koloniale Muttermacht aber auch in die frankoafrikanische Gedächtnis- und Gedenklandschaft eingegraben. Während Denkmäler und öffentliche Gedenkreden Bilder vom treuen "Senegalschützen" und loyalen Veteranen heraufbeschwören, entsteht aus den Erinnerungen der ehemaligen Soldaten an die Umstände ihrer Entlassung ins Zivilleben ein weitaus weniger harmonisches Bild, gekennzeichnet durch machtpolitisches Kalkül und repressiven Umgang mit den Rückkehrern.
Am Beispiel dieser konkurrierenden, aber in enger wechselseitiger Beziehung stehenden Formen des Gedenkens und Erinnerns will der Vortrag zeigen, wie jenes Kapitel der gemeinsamen, aber problematischen frankoafrikanischen Geschichte aufgearbeitet wird. Dabei soll über die "Kriegsgeschichten" hinaus erörtert werden, wie sich westafrikanische Bevölkerungen mit der europäischen Kolonisation auseinandersetzen und welche Rolle ehemalige Soldaten im Prozess der postkolonialen Staatsbildung spiel(t)en.

DIE AUTORIN
Prof. Dr. Brigitte Reinwald, geb. 1958, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Pädagogik in Freiburg/Br., Poitiers und Hamburg, wo sie nach dem zweiten Staatsexamen in afrikanischer Geschichte zum Thema "Leben und Arbeit der weiblichen Bevölkerung in Siin/Senegal unter dem Einfluss der französischen Kolonisation" promovierte. Nach mehrjähriger Tätigkeit als freie wissenschaftliche Autorin, Beraterin und redaktionelle Mitarbeiterin der ARTE-Redaktion im Südwestrundfunk Baden-Baden war sie von 1998 bis 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin. In dieser Zeit entstand u.a. die gruppenbiographische Studie, mit der sie sich 2003 an der Universität Wien habilitierte und die sie jetzt unter dem Titel "Reisen durch den Krieg" vorlegt (Erscheinungstermin Juli 2005).
Brigitte Reinwald übernahm zahlreiche Lehraufträge an in- und ausländischen Universitäten, bevor sie 2004 einen Ruf an den Lehrstuhl für Afrikanische Geschichte der Universität Hannover erhielt. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte Westafrikas im 19. und 20. Jahrhundert, frankoafrikanische Kolonialgeschichte sowie Geschichts- und Gedächtniskulturen im Raum des Indischen Ozeans.

Zu ihren Buchveröffentlichungen zählen unter anderem:
Der Reichtum der Frauen. Leben und Arbeit der weiblichen Bevölkerung in Siin/Senegal unter dem Einfluß der französischen Kolonisation. Münster, Hamburg: LIT 1995.
Fremdeinsätze. Afrikaner und Asiaten in europäischen Kriegen (1914-1945). Berlin: Das Arabische Buch 2000 (hg. von Gerhard Höpp und Brigitte Reinwald).
Space on the Move. Transformations of the Indian Ocean Seascape in the Nineteenth and Twentieth Centuries. Berlin: Klaus Schwarz Verlag 2002 (hg. von Jan-Georg Deutsch und Brigitte Reinwald).
Reisen durch den Krieg. Erfahrungen und Lebensstrategien westafrikanischer Weltkriegsveteranen. Berlin: Klaus Schwarz Verlag Juli 2005.