#21

‚Islam‘ in der öffentlichen Wahrnehmung?

Von Sonja Hegasy

Zwischen Juni 2022 und Juni 2026 nahmen 23.529 Personen am ZMO-Quiz ‚Wie viel wissen Sie über den Islam?‘ teil. Was im Pandemie-Sommer 2021 als Outdoor-Kneipenquiz in der Brandenburger Kleinstadt Buckow begann, erreichte durch die Initiative von Leibniz-Gemeinschaft und t-online eine hohe Anzahl von Interessierten. Sonja Hegasy, Noel van den Heuvel und Maria-Magdalena Pruß erweiterten den Kneipenquiz dafür um Fragen zu Südasien.

Wir haben die Ergebnisse für die letzten vier Jahre abgefragt und präsentieren im Folgenden kursorisch einige Gedanken zu den Resultaten der Umfrage und zum öffentlichen Diskurs über „den Islam“. Vorab: 2026 musste Frage 8 ‚Welches Land hat die zweitgrößte muslimische Bevölkerung der Welt?‘ aktualisiert werden. Denn die demographische Entwicklung hatte sich derweil geändert, so dass nun Pakistan anstatt Indien das zweitgrößte muslimische Land ist. Die Prozentzahlen haben wir bei diesem Diagramm entfernt, da sie nicht mehr aussagekräftig sind. Alle anderen Fragen sind unverändert.

Folgende Fragen beantwortete eine Mehrheit richtig: In der islamischen Theologie überbrachte der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed die heilige Schrift.

Bei der Frage nach der Rolle Jesus im Islam, antwortete eine Mehrheit, dass Jesus einer der wichtigsten Propheten bzw. der zweitwichtigste Prophet im Koran ist. 6,4% kreuzten an, dass er im Islam als Scharlatan dargestellt werde. Almosen gehören zu den fünf „Säulen des Islams“ zusammen mit dem Fasten im Ramadan, dem Glaubensbekenntnis zur Einheit Gottes, dem Gebet sowie der Pilgerfahrt nach Mekka. Ein Viertel der Teilnehmer*innen wählte ‚Die Verteidigung der eigenen Glaubensgemeinschaft‘ gehöre zu den fünf Pflichten des Islams.

Als das vermutlich meistbesuchte Einzelmonument Asiens, ist das Taj Mahal weithin als muslimische Grabstätte bekannt. Internationale Bekanntheit hat auch Malala, wahrscheinlich weniger unter ihrem Nachnamen: 2012 wurde die damals 15-jährige Malala Yousafzai schwer verwundet, als ein Mitglied der Taliban ein Attentat auf sie und ihre Mitschülerinnen verübte. Es war ein Versuch, Malalas Aktivismus für Frauen- und Mädchenbildung mit Gewalt zu beenden. Mit 11 Jahren hatte Malala begonnen, in ihrem Internet-Tagebuch über den Alltag unter der Herrschaft der Taliban zu schreiben. Malala überlebte das Attentat schwer gezeichnet und setzte ihr Engagement fort. 2014 erhielt sie den Friedensnobelpreis.

Die übrigen Antworten erwiesen sich hingegen als nicht zutreffend: So nahm beispielsweise eine Mehrheit in Analogie zum Christentum an, die Geburt des Propheten Mohammed markiere den Beginn der islamischen Zeitrechnung. Rund 33 % der Befragten wussten dagegen, dass diese auf die Auswanderung von Mekka nach Medina zurückgeht. Wir befinden uns heute im Jahr 1448 nach der Hidschra (Auswanderung).

Zwar ist allgemein bekannt, dass alle drei Buchreligionen - Judentum, Christentum und Islam - im Nahen Osten ihren Ursprung haben und dass Jerusalem für alle drei Religionen eine zentrale Bedeutung hat, aber es ist kaum bekannt, dass Muslime in den ersten 14 Jahren nach der Offenbarung im Jahr 610 n.Chr. in Richtung Jerusalem beteten. Dann jedoch gab es zunehmend Eigenständigkeitsbestrebungen gegenüber den jüdischen Stämmen jener Zeit, um sich als unabhängige religiöse Gemeinschaft zu definieren. Gleichzeitig erhob die Gemeinde Anspruch auf die Stadt Mekka, aus der sie ein paar Jahre zuvor hatte fliehen müssen. Schließlich erhielt Mohammed eine Offenbarung, dass in Richtung des schon exist–ierenden Heiligtums, der Kaaba in Mekka, gebetet werden solle.

Die Frage, wie alt die erste Ehefrau des Propheten Mohammed bei ihrer Eheschließung mit dem 25-jährigen war, spiegelt weit verbreitete Stereotype über Geschlechterverhältnisse in muslimisch geprägten Gesellschaften wider. Aus der Auswahl 10, 20, 30 oder 40 Jahre wählten 50% der Teilnehmer*innen ‚10 Jahre‘. Knappe 30% kreuzten 40 Jahre an. Das ist richtig, denn die erste Frau des Propheten war 15 Jahre älter als er, und damit bei der Hochzeit 40 Jahre. Erst nach ihrem Tod heiratete Mohammed weitere Frauen. Heute ist Polygamie in den meisten muslimischen Ländern gesellschaftlich verpönt. Das Zölibat wird im Islam abgelehnt. In der öffentlichen Wahrnehmung werden die Themen Kinderehe, Zwangsheirat, arrangierte Ehe häufig nicht voneinander unterschieden. Die Lebensrealitäten der Mehrheit bleiben in diesem Diskurs weitgehend unsichtbar. Wissenschaftler*innen können immer wieder beobachten, wie marginale Phänomene – obwohl sie auch von der Mehrheit der Muslim*innen selbst abgelehnt werden – verallgemeinert und einer muslimischen Mehrheit zugeschrieben werden. So müssen sich viele Muslime gegen Zuschreibungen wehren, die ihnen selbst so nie in den Sinn gekommen wären.

Die stärkste Abweichung betrifft die Frage nach der Scharia: Hier haben 81,9% angekreuzt, dass es sich dabei um „Das muslimische Gesetzbuch“ handelt. Es gibt allerdings kein in zwei Buchdeckel gegossenes Regelwerk, das wie ein Gesetzbuch funktioniert. Der arabische Begriff „Scharia“ heißt in etwa „Weg zur Wasserquelle“ bzw. „gebahnter Weg“ und kann im religiösen Kontext als „Weg zum Seelenheil“ verstanden werden. Scharia bezeichnet die Gesamtheit der Religion. Genauso werden im Arabischen das Judentum als Schariat Musa (die Scharia/Religion Moses) und das Christentum als Schariat Isa (die Religion Jesus) bezeichnet. Heute gibt es vier große sunnitische und eine bedeutende schiitische Rechtsschule, nach denen das Recht ausgelegt wird. Dass es ein islamisches Gesetzbuch gibt, das Scharia heißt, ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Dies wird in öffentlichen Debatten selten deutlich gemacht.