Geschichtsbilder

Relikte einer (anderen) Zukunft? - Das Nachleben der sozialistischen Stadt in Zentralasien und im Südkaukasus

Dr. des. David Leupold

Als eines der ambitioniertesten und gleichzeitig umkämpftesten Projekte der Moderne zielte der leninistische Staatssozialismus des 20. Jahrhunderts darauf ab, das gesellschaftliche Leben nachhaltig zu verändern. Der urbane Raum wurde hierbei als das wohl wichtigste Gesellschaftslabor verstanden, aus dem der "neue Mensch" hervorgehen sollte. Die sozialistische Zukunftsvision sollte direkt und unwiderruflich im materiellen Gefüge der Stadt verankert werden. Hierbei galt es, die abstrakte Ideenwelt des Sozialismus in eine physische Realität zu übersetzen, welche für den sowjetischen Bürger tagtäglich erlebbar sein sollte.

Drei Jahrzehnte nach dem Fall des Systems, dem sie einst ihre Existenz schuldete, ist die Materialität der Sowjetzeit heute gleichzeitig Relikt der Vergangenheit und Mahnmal einer unvollendeten Zukunft in einem sich rapide verändernden, neoliberalen Stadtraum. Wie im Fall anderer gefallener Reiche überdauert das architektonische Erbe das System, dem es seine Existenz verdankt – aber gilt dies auch für die Ideen, die in das städtische Gefüge eingewoben sind?

Das Projekt "Relikte einer (anderen) Zukunft" untersucht, wie die sowjetische Urbanität als physisches Relikt des Ancien Régime das soziale Leben in postsowjetischen Städten heute bestimmt. Stadtraum wird als "umkämpfte Geographie" verstanden, in der miteinander konkurrierende Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft im Raum verankert und gelöst werden. Ziel ist es, den Antagonismus sozialistischer Zukunftslandschaften und ethnonationaler Vergangenheitslandschaften in seiner Vielschichtigkeit abzubilden. Hierbei werden semiotische Risse in der Oberfläche der neu geschaffenen Nationallandschaften aufgespürt. Gleichzeitig wird untersucht , wie die "unvollendete Zukunft" des sozialistischen Projekts Jahrzehnte später alternative Geschichtsbilder mobilisieren kann, welche den heute vorherrschenden ethnozentrischen Diskurs herausfordern können.

Hierzu befasst sich das Projekt mit zwei exemplarischen Schauplätzen des städtischen Raums in ehemaligen „sowjetischen Süden“: dem Südkaukasus (Jerewan, Armenien) und Zentralasien (Bischkek, Kirgisistan). Dort untersucht es die mobilisierende Kraft, welche der "materialisierten Erinnerung" der Sowjetzeit in einem Spannungsfeld aus steigendem Populismus, politischer Entfremdung und konkurrierenden Zukunftsvisionen innewohnt.