Timely Histories: Eine Gesellschaftsgeschichte von Zeit in Südasien

Timely Histories: Eine Gesellschaftsgeschichte von Zeit in Südasien ist ein fünfjahriges Projekt, das im Januar 2021 startete. Das Projekt wird durch das Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont 2020 der Europäischen Union (ERC Consolidator Grant) unter der Fördervereinbarung Nr. 866421 gefördert.

Das Projekt hat das Ziel, die Geschichte von Zeit und von Zeitkulturen in Südasien zwischen 1500 und den 1950er Jahren auf der Grundlage eines praxis- und prozessorientierten Ansatzes für historische Vergangenheiten zu schreiben. In fünf modularen Projekten, die diesen breiten Zeitraum abdecken, sollen die abgestuften Vergangenheiten der Verschiebungen und Transformationen, die innerhalb der Zeitkulturen Südasiens stattfanden, untersucht und geschrieben werden. Dabei wird von den üblichen Ansätzen abgewichen, die sich entweder auf das Gerät (die Uhr) oder auf moderne nationalstaatliche Institutionen wie Armee, Schule, Fabrik und Büro konzentrieren. Stattdessen rückt es - jenseits des Gerätezentrismus (device-centrism) - die "andersartigen" Räume (othered spaces) zeitlicher Praktiken wie Feld, Bauernhof, Dschungel und Fluss in den Mittelpunkt der Zeitgeschichte.

Zeit und Zeitkulturen in Südasien wurden entweder als ein Aspekt des Historismus für die antiken und mittelalterlichen Perioden oder enger gefasst als ein Merkmal des Kolonialismus im späten 19. Jahrhundert untersucht. Die Verknüpfung von westlichem Kolonialismus, mutiertem Industriekapitalismus und langsamem technologischen Wandel schuf ein neues Zeitregime, in dem Uhren, Kapital und Eisenbahnen zu den Akteur*innen des Wandels wurden. Während sich das Projekt mit diesen Veränderungen und Kräften des Wandels auseinandersetzt, lautet die zentrale Hypothese, dass die moderne Zeitkultur nicht isoliert untersucht werden kann, indem nur eine historisch als modern definierte Periode betrachtet wird, deren bestimmendes Merkmal ein leerer und abstrakter Zeitbegriff ist.

Die Neuartigkeit des Projekts liegt in der kombinierten Stärke, weithin angewandte Rahmenkonzepte über Regionen hinweg zu überwinden und neue Forschungsfelder für Südasien zu öffnen. Durch umfangreiche empirische Arbeiten, die von interdisziplinären theoretischen Ansätzen geleitet werden, wird dies in fünf klar gegliederten Projekten erreicht.

Erstens, die Geschichte von Arbeit und Zeit, in der anstelle von Fabrik und Uhr der Schwerpunkt auf Ökologie und Legalität in landwirtschaftlichen, informellen und industriellen Standorten liegt; zweitens, die Rolle der nächtlichen Zeit bei der Gestaltung von Praktiken sozialer Übertretungen, aber vor allem bei der Konstituierung der "Rechtsstaatlichkeit"; drittens, die Geschichte der "versteckten Skripte" von Warten und Verzögerung, die unter dem Einfluss neuer Technologien, die eine neue Empfindung und Erfahrung von Geschwindigkeit einführten, vernachlässigt wurden; viertens, die Geschichte der Zukunft, wie sie sich Menschen vorstellen und wie sie sie gestalten, indem sie verschiedene Ressourcen nutzen, die von Lebensversicherungen bis hin zu Besuchen bei religiösen Zeitmesser*innen reichen; und fünftens, ein unabhängiges Projekt über die frühe Neuzeit, das die starre Periodisierung in der Geschichtsschreibung durchbrechen würde, indem es kontinuierliche und sich verändernde Zeitpraktiken untersucht.

Die zeitliche Moderne, so argumentiert das Projekt, ist aus den bestehenden Zeitkulturen hervorgegangen, anstatt sie zu verdrängen. Mit seinem originellen und doch realisierbaren Ansatz schlägt Timely Histories vor, Zeitlichkeit als eigenständige analytische Kategorie in Studien zu Räumlichkeit, Kolonialismus und Sozialgeschichte zu etablieren.

Beirat

  • Professor Tanika Sarkar, im Ruhestand, Jawaharlal Nehru University, Delhi
  • Professor Sebastian Conrad, Freie Universität, Berlin
  • Dr Avner Wishnitzer, Tel Aviv University, Tel Aviv
  • Dr Pankaj Jha, University of Delhi, Delhi