Lebensalter und Generation

Die Suche nach einem normalen Leben

Dozent Dr. Samuli Schielke

Ausgangspunkt des Projekts ist ein zentrales Paradox des Zeitalters der Globalisierung: die Möglichkeit eines stabilen, normalen Lebens ist auf destabilisierende Prozesse von Wachstum, Expansion und Mobilität angewiesen. Migrationen aus dem Globalen Süden (seien sie international oder vom Land in die Stadt) haben oftmals konservative Beweggründe. Sie zielen vor allem darauf ab, allgemein anerkannte Lebensformen und Ideen von einem guten Leben zu aktualisieren; das heißt, sie auf einem materiell besseren Niveau aber moralisch unverändert von einer Generation zur nächsten weiterzugeben. Solche konservativen Träume vom guten Leben sind in der Vorstellung und Praxis eines “normalen Lebens” (arabisch hayah 'adiya) oder “eines menschenwürdigen Lebens” (hayat bani adamin) begründet, welches wiederum vor allem durch “Stabilität” (istiqrar) gekennzeichnet ist.

Das Projekt folgt den Lebenswegen von Männern aus einer ländlichen Region im nördlichen Ägypten. Ihre Heimatregion wird infolge des Klimawandels im Laufe des 21. Jahrhunderts unbewohnbar werden. Die Forschung folgt ihrer Bewegung entlang eines translokalen Migrationsnetzwerkes, das sich über ägyptische Städte, westliches Europa und arabische Golfstaaten erstreckt. Dort arbeiten sie um die Mittel eines von ihnen als normal verstandenen, stabilen Lebens zu Hause aufzubauen. Das Erwachsenwerden eines Mannes ist in Ägypten ein größtenteils vorgeschriebener Weg, zu dessen entscheidenden Schritten finanzielle Unabhängigkeit, Wohneigentum, Eheschließung, Kinder sowie deren Bildung und Heirat gehören. Diese Schritte reproduzieren die Gesellschaft, durch sie kommt aber auch gesellschaftlicher Wandel von einer Generation zur anderen zustande.

Die erste Phase des Projekts, welche von der Fritz-Thyssen-Stiftung von 2020 bis 2021 finanziert ist, legt den Schwerpunkt auf den Bau von Häusern in ländlichen und kleinstädtischen Herkunftsregionen der Migranten. Diese Häuser verkörpern die Suche nach moralischem und materiellem Komfort, sozialem Aufstieg, und Verbundenheit mit der Heimat. Doch leben die Eigentümer jener Häuser darin oft nur in der Urlaubszeit. Sie wohnen und erziehen ihre Kinder in Großstädten, die zunehmend ihr Zuhause werden. Es erscheint, dass dabei ihr Traum von einem guten, normalen Leben in der Heimat durch dessen eigenen Erfolg aus dem Gleichgewicht gerät. Eine zweite Phase des Projekts wird daher generationenübergreifende Wege der sozialen Mobilität untersuchen.